Wo Streetwear herkommt: Surf, Skate, Hip-Hop und Tokio
Wo kommt Streetwear her: Skate, Surf, Hip-Hop?
Kurz gesagt
Streetwear hat keinen einzelnen Geburtsort, sondern drei Wurzeln, die zur selben Zeit wuchsen: Surf und Skate in Südkalifornien, Hip-Hop in New York und die Szene in Tokio, die beides gesammelt und neu gemischt hat. Ab den späten 70ern lief das parallel, um 1990 verband ein Netz aus Freunden in Los Angeles, New York, London und Tokio die Stränge. Welcher Ort zuerst da war, ist bis heute umstritten.
In diesem Artikel
Surf: ein Name auf dem Brett, dann auf dem Shirt
Am Anfang steht ein Surfbrett. Shawn Stüssy formte um 1980 in Laguna Beach Bretter und signierte sie mit seinem Nachnamen in einer eigenen Handschrift. Laut einer Oral History der Marke druckte er ab 1980 dieselbe Signatur auf Grafik-Shirts, um für seine Bretter zu werben. Dazu kamen Shorts und Caps, verkauft aus dem Auto heraus.
1984 tat er sich mit Frank Sinatra Jr. zusammen, einem Surf-Bekannten und Buchhalter, nicht dem Sänger. Was davon bis heute geblieben ist: das bedruckte T-Shirt als Träger einer Zugehörigkeit. Ein Schriftzug auf der Brust sagt, zu welcher Szene du gehörst, nicht nur, wer das Shirt genäht hat.
Skate: Dogtown, leere Pools und eine Gummisohle
Fast zur selben Zeit nahmen Skater an der Westküste den Surfstil mit auf die Straße. Mitte der 70er traten die Z-Boys aus dem Westen von Los Angeles auf, eine Crew, die Surfbewegungen auf das Brett übertrug und in leeren Swimmingpools fuhr.
Ihre Schuhe kamen aus Anaheim, wo die Van Doren Rubber Company im März 1966 ihren ersten Deckschuh herausbrachte, den heutigen Authentic. Skater mochten den Grip der Sohle auf dem Brett. Ab 1976 nutzte die Firma den Spruch „Off the Wall", ein Ausdruck aus genau dieser Pool-Szene.
Daraus stammen bis heute der flache Canvas-Schuh, weite, robuste Hosen und die Grafik auf Decks und Shirts.
Hip-Hop: Sportswear, Maßarbeit und ein Konzert
Die dritte Wurzel liegt in New York. Hip-Hop entstand dort Ende der 70er, Anfang der 80er, und mit ihm ein eigener Look. Getragen wurden Trainingsanzüge, Kangol-Mützen, Schuhe von Adidas und Fila, dazu Arbeitskleidung von Carhartt und Timberland.
In Harlem führte Dapper Dan von 1982 bis 1992 einen Laden an der 125th Street und schneiderte Luxus-Logos zu eigenen Jacken für Rapper und Boxer um. Am 19. Juli 1986 ließen Run-DMC im Madison Square Garden das Publikum bei „My Adidas" die Schuhe hochhalten.
Danach bekam die Gruppe einen Werbevertrag, der als erster zwischen einer Musikgruppe und einer Sportmarke gilt.
Tokio: die Szene, die alles gesammelt hat
Streetwear ist keine rein amerikanische Geschichte. Hiroshi Fujiwara war Anfang der 80er in London und New York und brachte Hip-Hop-Platten und DJ-Kultur nach Tokio. 1990 gründete er die Marke Goodenough.
1993 eröffneten Jun Takahashi und Nigo im Viertel Ura-Harajuku den Laden Nowhere, mit amerikanischer Vintage-Ware, Deadstock-Sneakern und den ersten Kollektionen von Undercover und A Bathing Ape. Von dort stammt ein Prinzip, das heute fast jede Marke nutzt: kleine Auflagen, wenige Läden, gezielte Knappheit.
Tokio hat Kalifornien und New York nicht kopiert, sondern sortiert und zu etwas Eigenem gemacht.
Wie die Stränge zusammenkamen
Ende der 80er reiste Shawn Stüssy viel und fand Freunde in London, Tokio und New York, die seine Shirts trugen und weitergaben. Daraus wurde die International Stüssy Tribe, ein lockerer Kreis aus DJs, Skatern und Ladenbesitzern, der sich 1990 bei einer Party in Japan als Gruppe zeigte. Fujiwara war ihr Mann in Tokio.
Anfang der 90er druckten Hip-Hop-Plattenlabels ihre Namen auf College- und Arbeitsjacken. So wurden aus drei Szenen ein Stil. Wer heute einen Hoodie mit großem Rückenprint trägt, trägt ein Stück von allen dreien.
Warum die Frage nach dem Anfang umstritten ist
Wo genau Streetwear geboren wurde, beantworten Quellen unterschiedlich. Viele Nachschlagewerke nennen die Hip-Hop-Kultur in New York als Ursprung, andere Erzählungen setzen beim Surfbrett in Kalifornien an. Selbst in einer Oral History über Stüssy sagt ein Weggefährte, New York sei der eigentliche Geburtsort.
Shawn Stüssy selbst hat den Begriff Streetwear nie für sich übernommen. Halte es deshalb so: Es gibt keinen Gründer und kein Gründungsjahr. Es gibt Orte und Leute, die zur selben Zeit an ähnlichen Ideen gearbeitet haben, und das Wort kam erst später dazu.
Noch offen
Woran erkenne ich die Surf- und Skate-Wurzeln an einem Piece?
Achte auf einen handgeschriebenen oder gemalten Schriftzug statt eines klaren Logos, auf Grafik, die an Bretter oder Decks erinnert, und auf robuste Stoffe wie Canvas. Bei Schuhen ist die flache Gummisohle mit Profil das typische Zeichen. Hosen aus dieser Ecke sind meist weit und aus festem Stoff.
Was hat Hip-Hop konkret zur Streetwear beigetragen?
Vor allem die Mischung aus Sportswear und Arbeitskleidung: Trainingsanzug, Sneaker, Mütze, dazu Workwear-Jacken und Boots. Dazu kam die Idee, dass ein Musiker eine Marke tragen und damit groß machen kann. Der Vertrag von Run-DMC mit Adidas gilt als Vorbild für viele spätere Partnerschaften zwischen Musik und Marken.
Warum spielt Japan in der Streetwear-Geschichte so eine große Rolle?
Weil Tokio die Einflüsse aus Kalifornien, New York und London früh gesammelt und neu zusammengesetzt hat. Läden wie Nowhere in Ura-Harajuku verkauften amerikanische Vintage-Ware neben eigenen Marken. Von dort kam das Prinzip der kleinen Auflagen, das heute bei Drops und Colabs überall zu sehen ist.
Gehört Punk auch zu den Wurzeln?
Ja, als Nebenstrang. Nachschlagewerke nennen Punk, New Wave und Metal als frühe Einflüsse, vor allem über die Skate-Szene und über London. Fujiwara etwa brachte Eindrücke aus der Londoner Punkszene mit nach Tokio. Die drei Hauptwurzeln bleiben aber Surf, Skate und Hip-Hop.
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